Montag, 21. November 2011

Von Erdbeben, Blumenkübeln und Twitter-Eliten

Ihr erinnert Euch doch sicher noch an das letztjährige Sommer-Thema bei Twitter. Wie aus dem Nichts wurde Twitter von einem umgekippten Blumenkübel heimgesucht, den eine arme Praktikantin der Münsterschen Zeitung in die Welt setzte. Das Thema verselbstständigte sich und sorgte dafür, dass "Blumenkübel" die Twitter-Trends des Tages quasi von hinten aufrollte. Der Tweet ging um die Welt - und die Praktikantin erst mal auf Tauchstation. Ein mittelschweres Erdbeben, entstanden aus einer Nichtigkeit.

Ich weiß, wie solche Phänomene entstehen und kenne die Unberechenbarkeit des Netzes zur Genüge. In der Theorie zumindest.

Nun kenne ich sie auch in der Praxis. Weil ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag nachts noch hingesetzt und mich über ein Thema ausgekotzt habe, das mich den halben Tag genervt hat. So wie ich das halt manchmal mache, wenn mich ein Thema beschäftigt. Dieses Thema fasse ich dann in Worte, twittere es, und ein paar Stunden später sehe ich mir die Statistik meines Blogs an. Dann freue ich mich, dass rund 20 Menschen das gelesen habe, was ich schreibe, und damit ist die Sache wieder gut. Heute Nacht um 3:00 dachte ich, das würde diesmal auch wieder so laufen.

Stattdessen sitze ich nun rund 14 Stunden später an meinem eigentlich ruhig geplanten freien Tag mit dem Laptop auf der Couch und sehe zu, wie die Klickzahlen meines Blogs durch die Decke schießen. Und dann durch die nächste Decke. Und durch die nächste. Und ich kann es immer noch nicht ganz fassen, was da gerade eigentlich passiert, denn scheinbar habe ich da einen Nerv getroffen und etwas angesprochen, was vielen Menschen bei Twitter ein wenig auf den Senkel geht.

Was mich dabei enttäuscht (aber nicht wirklich verwundert) ist die Tatsache, dass die angesprochene "Elite" zwar meinen Blog-Eintrag wahrgenommen hat (womit ich nicht gerechnet hätte) und ordentlich darüber lästert, mich aber dabei nicht persönlich anspricht oder gar mit mir diskutiert. Armselig - aber gut, wie gesagt, verwundert bin ich nicht.

Dafür haben sich aber diverse Twitterer angesprochen gefühlt, die ich gar nicht gemeint hatte - wie beispielsweise @herz_vs_kopf, die auf meinen Blog-Eintrag geantwortet hat. Was mich zum Grund dieses Blog-Eintrags bringt: Ich muss da mal etwas klarstellen, was ich in meinem gestrigen Groll versäumt habe.

Ich bezog meinen Eintrag nicht pauschal auf alle Menschen, die einfach mehr Follower als Followings haben. Es gibt grandiose Wort-Magier in der Welt von Twitter, die einfach lesenswert sind - unabhängig von irgendwelchen Following-Zahlen. Darum ging es mir nicht. Kurz gesagt: Nicht jeder Twitterer, dem deutlich mehr Menschen folgen, als er selbst Menschen folgt, ist ein arroganter Sack (oder eben die weibliche Entsprechung davon).
Es geht vielmehr die komplette Art des Auftretens - um dieses generell zwischen den Zeilen lesbare, vollkommen unberechtigte "ich bin besser als Ihr", wie es eben beispielsweise dem zitierten Tweet zu entnehmen war. Oder wenn mich ein nicht konkret angesprochener, dennoch aber gemeinter Adressat meines Eintrags durch die Blume als "dummes kleines Kind" bezeichnet, obwohl ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit älter bin als er. Diese, und nur diese Menschen habe ich gemeint, und ganz ehrlich: Ich finde es extrem unterhaltsam, wie sehr sich die Angesprochenen momentan untereinander aufregen - denn wie haben mir heute schon so viele User geschrieben: "Getroffene Hunde bellen".

Und während ich das gerade schreibe, stelle ich fest: #Twitterelite ist in den Toptrends auf Platz drei. Ich habe - ohne es zu wollen - einen Twitter-Trend ausgelöst. Das ist krank. Und wenn ich ehrlich bin, macht es mir auch ein wenig Angst. Aber egal.

Es wäre vermessen, zu sagen, dass das ein Beweis für die Richtigkeit meiner Sichtweise ist. Nur weil eine Sichtweise heiß diskutiert wird, bedeutet das nicht automatisch, dass sie richtig ist. Es zeigt aber doch, dass das Thema enorm unter Dampf steht - und dass da vermutlich noch so einige Überraschungen auf mich warten.


Ich bin gespannt.

Ein paar Gedanken zur selbsternannten "Twitter-Elite"

Ich muss mich heute mal über ein Phänomen aufregen, dass mir schon lange sauer aufstößt.

Ich unterscheide bei Twitter fünf Arten von Menschen.
  • Die Marketing-Accounts und Bots, deren einzige Aktivität bei Twitter darin besteht, ihr "absolut einzigartiges" Internet-Geschäftsmodell an den Mann zu bringen. Aus meiner Sicht ärgerlich und verzichtbar, aber gut - ich muss ihnen ja nicht folgen.
  • Die "Sammler". Menschen, die nichts (oder nur belanglose Einzeiler) schreiben, trotzdem aber einfach mal pauschal jedem User folgen, der ihnen vor die Flinte läuft - in der Hoffnung, dass man ihnen zurückfolgt. Das Verhältnis von "Following" und "Followers" liegt da gerne mal so bei 10:1 - außer bei Menschen mit deutlich erkennbaren Brüsten (auch Frauen genannt). Die sammeln teilweise tausende von Followern, ohne jemals einen Tweet geschrieben zu haben (manche meiner Geschlechtsgenossen sind eben ein wenig dumm).
  • Die "Normalen", zu denen auch ich mich zähle. Menschen mit (halbwegs) ausgeglichenem Following-Follower-Verhältnis, die anderen, völlig normalen Menschen (und vielleicht dem einen oder anderen Berühmtheiten- oder Nachrichten-Account) folgen, die ihnen sympathisch sind, und die mit diesen Menschen interagieren.
  • Die "Berühmtheiten". Menschen des öffentlichen Lebens, die Twitter als Sprachrohr benutzen, und die teilweise Millionen von Followern haben.
  • Und dann gibt es da noch die - ja, was eigentlich? Die Wichtigtuer? Ich will mal nicht ganz so böse sein und nenne sie "die selbsternannte Twitter-Elite". Menschen, die auch im Twitter-Sinne keine Berühmtheiten sind, sondern eigentlich ganz normale Menschen. Abgesehen von der Tatsache, dass sie tausende von Followern haben, selbst aber nur einer Handvoll von Menschen folgen und auch gerne zusätzlich noch ihre Favstar-Seite im Profil verlinkt haben. Selbstdarsteller ohne jegliche Substanz - quasi die Paris Hiltons des kleinen Mannes.

Und diese letzte Gruppe ist das, was mich an Twitter unheimlich nervt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch mehr als diese ganzen Marketing-Spinner. Es ist das teilweise unerträglich elitäre Gehabe dieser Gruppe, das mich abstößt. Diese völlig überzogene Selbsteinschätzung. Dieses selbstverliebte, pseudo-intellektuelle und gleichzeitig so grauenvoll austauschbare wie inhaltslose Geschwafel, von dem sich doch immer wieder tausende von Followern blenden lassen.
Und es ist die Tatsache, dass sich diese Menschen normalerweise ausschließlich untereinander folgen. Dass sie einen nahezu inzestuösen Gedankenkreis bilden, in dem sie sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und sich in ihrem Verhalten bestärken.

Nein, es ist nicht der Neid, der aus mir spricht. Ich möchte nicht so sein. Ich bin froh mit den paar Followern, die ich habe.
Es ist vielmehr diese unglaubliche Ungerechtigkeit. Die Tatsache, dass es so viele "kleine" Twitterer gibt, die - völlig unbeachtet - grandiose Tweets schreiben, während gleichzeitig dieser Gruppe von Selbstdarstellern die User scharenweise in den Arsch kriechen, wenn sie wie am Fließband das rhetorische Äquivalent zur belanglosen Fahrstuhlmusik eines Dieter Bohlen absondern. Das widert mich an.

Wie ich auf dieses Thema gekommen bin? Durch diesen Tweet einer Twitterin (Following: 90 / Followers: 1344), die ich hier nicht verlinken werde:
DUMME KLEINE FOLLOWER BEKOMMEN PICKS AN MASS, UND UNSER EINS TWITTERT SICH DAS HERZ AUS DER BRUST OHNE LOB! FICKT EUCH!
Zugegeben, das ist ein drastisches Beispiel, aber es ist symptomatisch für das, was mich an dieser Gruppe von Usern abstößt. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass eine solche Fixierung auf Twitter-"Auszeichnungen" ein Armutszeugnis erster Güte ist.

Die Band Slipknot begann irgendwann mal, ihre Fans auf den Konzerten als "Maden" zu bezeichnen. Das ist eine Sache, denn es ist ein Teil des Gesamtbildes und der Inszenierung der Band. Die Band kann sich diese Überheblichkeiten also leisten. Die Userin, die den oben zitierten Tweet verfasst hat, kann das nicht. Nicht einmal im Ansatz.

Das sind dann übrigens die Momente, in denen mich das unwiderstehliche Verlangen packt, mit der Hand durch den Monitor zu greifen und der Person mal ordentlich eine zu knallen, um sie schnellstmöglich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Im Ernst, ich habe in meinem Leben noch nie eine Frau geschlagen und gedenke nicht, das zu ändern - aber in dem Moment hat es mich gewaltig gejuckt, zumindest eine virtuelle Ohrfeige auszuteilen.

Wobei, eigentlich tue ich das ja gerade. Zu dumm nur, dass sie vollkommen wirkungslos bleiben wird, denn die Tatsache, dass der oben genannte Tweet bisher 20x gefavt wurde, spricht für sich.


Ich glaube, Menschen sind generell ein wenig dumm.



Nachtrag: Oh Wunder, die Userin hat den oben von mir zitierten Tweet mittlerweile gelöscht.


Nachtrag Nr. 2.: Ich habe meine Sichtweise der kritisierten User noch ein wenig präzisiert, weil sich diverse User angesprochen gefühlt haben, obwohl ich sie gar nicht gemeint habe.

Samstag, 23. Juli 2011

Die Usersperren auf Google+ - ein offener Brief

Liebe Leute von Google.

Eines vorneweg: Ich mag Euch. Was erstaunlich ist - angesichts der Tatsache, dass Ihr in den vergangenen Jahren  vermutlich mehr Daten über die Menschheit gesammelt habt, als die NSA seit ihrem Bestehen. Ich habe keine Ahnung, wie Ihr dieses Kunststück fertig gebracht habt - spielt aber auch keine Rolle. Entscheidend ist: Ich mag Euch. Und das nicht nur, weil ich mein Android-Handy liebe.

Ich mag Euch erst recht dafür, dass Ihr mit Google+ etwas auf die Beine gestellt habt, was Facebook durchaus Sorgen bereiten dürfte (siehe meinen letzten Blog-Eintrag). Ach, was schreibe ich denn - dafür mag ich Euch nicht, ich könnte Euch dafür knutschen. Nicht einfach nur ein Kate-William-Hochzeitsbussi geben, sondern einen richtig dicken Schmatzer aufdrücken, der diesen Namen auch verdient hat.

Da gibt es nur leider ein Problem.

Seit einigen Tagen und Wochen sperrt Ihr spontan, ohne Vorwarnung und ohne erkennbares System verschiedene Nutzerprofile auf Google+. Teilweise, weil es sich dabei um eigentlich gewerbliche Seiten handelt, die sich einen Personenaccount zugelegt haben, weil es noch keine Business-Seiten gibt. Das ist ok.
Teilweise, weil diese Accounts unter Fantasienamen und Pseudonymen laufen, die sich die Menschen über lange Zeit hinweg an anderen Stellen des Netzes angeeignet und gepflegt haben. Das ist nicht ok.
Und teilweise, weil - nun ja, das wisst nur Ihr selbst, denn manche der gesperrten Profile waren weder eine gewerbliche Seite, noch handelte es sich dabei um Pseudonyme. Und das ist absolut gar nicht ok.
Schließlich handhabt Ihr diese Sperren auch noch unterschiedlich. Manchmal wird nur das G+-Profil stillgelegt, und manchmal geht gleich der gesamte Google-Account über den Jordan. Kalender, Docs, eMails - plötzlich unerreichbar für den entsprechenden Nutzer, und das auch noch ohne brauchbare Begründung. Ein Worst-Case-Szenario für die Menschen, die die Google-Dienste gerne und viel nutzen. Ich bin übrigens auch ein solcher Mensch.

Ich will jetzt mal nicht darauf eingehen, wie wichtig es für manche Menschen ist, ihren Realnamen nicht im Internet zu lesen - das haben andere Blogger zur Genüge ausgeführt. Mir geht es um etwas anderes.

Ihr braucht mich nämlich. Dringend. Nicht unbedingt mich als Mensch, sondern mich als Early Adopter. Als spielfreudigen Technik-Freak, der gerne neue Internet-Innovationen ausprobiert und - bei Gefallen - andere Menschen überzeugt, sich ebenfalls damit zu beschäftigen. In einem bescheidenen Rahmen zwar, aber immerhin.
Google+ verbreitet sich viral, und ich bin einer der vielen Viren, die andere Menschen mit dem Gedanken infizieren, dass Google+ voll toll ist. Was ich sogar gerne mache, denn ich bin von dem Netzwerk und seinen Möglichkeiten nach wie vor begeistert.

Das Dumme ist nur, dass ich den Gedanken, möglicherweise irgendwann spontan ohne Account dazustehen, nur weil ein Such-Algorithmus bei Euch meinen Namen für ein Pseudonym hält, extrem unprickelnd finde. Genauso unprickelnd übrigens wie den Gedanken, Euch danach erst mal auf verschiedenste Art und Weise davon zu überzeugen, dass ich tatsächlich existiere, um dadurch vielleicht wieder an meinen Account zu kommen.
Und wenn ich etwas extrem unprickelnd finde, habe ich nicht nur Hemmungen, mich dem auszusetzen, sondern ich könnte darüber hinaus auf den Gedanken kommen, dass ich in Sachen Google+ den Ball lieber ganz flach halte. Nicht dass irgendwann einer meiner geschätzten wirklichen Freunde vor mir steht und mich fragt, was ich denn da bitte für einen sensationellen Schrott empfohlen habe.
Darüber hinaus könnte ich auf die Idee kommen, dass diese ganze Geschichte mit der Speicherung persönlicher Daten in der Cloud ja ganz brauchbar klingt - dass ich meine Daten aber vielleicht doch lieber ausschließlich auf diversen Festplatten lokal ablege. Schließlich kann mich da niemand aussperren.

Darum bitte ich Euch um eine Sache: Werdet Euch möglichst schnell darüber klar, was Ihr da tut. Google+ hat das Potential, Facebook zum neuen Myspace zu machen - aber das wird nur geschehen, wenn Euch Menschen (wie ich) vertrauen und andere Menschen mitziehen. Also erinnert Euch an Eure eigenen Worte hinsichtlich der Anonymität im Internet (vor einigen Monaten fandet Ihr die nämlich noch außerordentlich wichtig) - und erinnert Euch an Euren Slogan: "Don't be evil". Noch bin ich geneigt, Euch diesen Slogan abzunehmen.


Also bitte: Versaut das jetzt nicht.

Dienstag, 5. Juli 2011

Überfällig oder zu spät? Gedanken zu Google+

(Nachtrag am Ende des Textes)


Zunächst mal seien wir ehrlich: Eigentlich hat Google den Trend zu sozialen Netzwerken grandios verpasst.

Während Google eine Suchmaschine war, hatten die Musiker MySpace. Schüler, Studenten und all die anderen mitteilungsbedürftigen Zeitgenossen hatten jeweils ihr eigenes VZ. Dann schwappte Facebook über den großen Teich, räumte vor allen Dingen durch Spielchen wie Farmville die technisch veralteten VZs leer und saugte auch dem zu Tode renovierten MySpace die letzten noch verbliebenen User ab.
Und auch wenn Facebook wegen eines höchst merkwürdigen Verständnisses von "Datenschutz" so regelmäßig in den Schlagzeilen auftauchte, wie sich die User  untereinander vor den neuesten Einstellungstricks der Facebook-Macher warnten, so riss die Beliebtheit des Netzwerks dennoch nicht ab. Wie sollte sie auch? Schließlich war Facebook alternativlos geworden - und Monopole haben nun mal die natürliche Eigenart, dass ihre Inhaber im Wesentlichen tun und lassen können, was sie wollen. Man nimmt es als User halt hin, denn die einzige Alternative ist der totale Verzicht.

Entsprechend gespannt war ich, als Google den Start eines eigenen Netzwerks mit dem etwas unglücklichen Namen Google+ ankündigte, das von der Anlage her der Gegenentwurf zu Facebook sein sollte: Stets wurde betont, dass die User die Macht über ihre Daten behalten sollen. Ist zwar an sich eine absurde Äußerung aus dem Mund der Datenkrake Nummer 2 (neben Facebook), sorgt aber zunächst trotzdem für eine gewisse Grundsympathie. Außerdem bin ich sowieso ein Spielkind und liebe die Herausforderungen virtueller Innovationen.

Und ganz ehrlich: Bei Facebook bin ich ausschließlich, weil es letztlich keine ernstzunehmende Alternative gab, um mit alten Freunden und weiter entfernten Bekannten in Kontakt zu bleiben. Google+ dagegen ist anders. Ich habe derzeit 12 Personen in meinen "Kreisen" - was gerade 10% der Menschen sind, die bei Facebook in meiner Freundesliste habe - und trotzdem bin ich bei Google+ jetzt schon wesentlich mehr unterwegs als bei Facebook. Denn G+ ist etwas, was Facebook nie war und wohl nie sein wird: Sympathisch. Das liegt nicht am Reiz des Neuen oder an einem gewissen Interesse an einem gesunden virtuellen Wettbewerb. Es liegt am Gesamtkonzept.

Bei G+ habe ich das Gefühl, nicht letztlich von den Betreibern über den Tisch gezogen zu werden. Ich habe nicht das Gefühl, mich mit den Machern des Netzwerks in einem endlosen Wettlauf  um meine Privatsphäre zu befinden, weil im Hintergrund ständig irgendwelche Einstellungen vorgenommen wurden, die ich so nicht haben möchte, und die nach außen natürlich auch nicht (oder nur unzureichend) kommuniziert werden. Denn letztlich ist es doch so: Bei Facebook muss ich Grundeinstellungen rückgängig machen, um zumindest einen Hauch von Privatsphäre zu erhalten. Im Grunde genommen sollte es exakt umgekehrt sein - und genau das könnte einer der Hebel sein, an dem G+ ansetzen kann.

Google+ sieht auf den ersten Blick tatsächlich aus wie Facebook und fühlt sich zunächst auch ähnlich an - allerdings nur, bis man das Netzwerk mal eingerichtet und die ersten Postings erstellt hat. Dann zeigt sich, wie großer Wert bei G+ auf die individuellen Freundschaften gelegt werden - denn im normalen Leben teilt man nun mal andere Dinge mit den Arbeitskollegen als beispielsweise mit engen Freunden. Und während ich bei Facebook meine normalen Statusmeldungen erst mal pauschal allen "Freunden" mitteile und - wenn ich das nicht möchte - einzelne Nutzergruppen (falls ich überhaupt welche definiert habe) von meinen Postings ausschließen muss, sind die verschiedenen Bekanntenkreise eines Menschen elementarer Bestandteil der Interaktion bei G+. Ein weiterer, gewichtiger Vorteil gegenüber Facebook.

Natürlich steckt das Netzwerk noch in den Kinderschuhen. Einige Funktionen fehlen noch, und auch ansonsten dürften sich in den kommenden Wochen und Monaten noch einige Dinge ändern, doch vom Grundkonzept her muss ich sagen: Das könnte was werden - und das nicht nur für Menschen, die von  Facebook eigentlich genervt sind. Schließlich unterscheidet man im normalen Leben auch verschiedene Bekanntenkreise. Warum also nicht auch in unseren Netzwerken?

Und ganz ehrlich: Ein bisschen Angstschweiß auf dem Gesicht von Facebook fände ich irgendwie äußerst ansprechend...


Nachtrag - 14.07.2011:


Nun sind weitere neun Tage vergangen, in denen ich mich weiterhin recht intensiv mit Google+ beschäftigt habe - und mein anfänglicher Enthusiasmus hat sich noch immer nicht verflüchtigt. Im Gegenteil: Je mehr ich mit den verschiedenen Kreisen und individuellen Einstellungen der Privatsphäre hantiere, desto mehr Spaß macht das Netzwerk. Ich habe mich sehr schnell an die Handhabung meiner Kreise beim Posten von Neuigkeiten gewöhnt - daran, dass ich beispielsweise problemlos meinen Twitter-Kreis mit kleinen Belanglosigkeiten versorgen kann, ohne meinen Freunden und Bekannten mit diesen Dingen auf die Nerven zu gehen. Diese Funktionalität und ihre intuitive Handhabung ist nach wie vor das, was mich an Google+ am meisten begeistert.


Allerdings sehe ich mittlerweile auch einige Schwachstellen, die zum Teil noch ausgeräumt werden dürften, während andere im Aufbau von G+ selbst bedingt sind.

Beispielsweise stört es ein wenig, dass Beiträge, wenn sie von mehreren Leuten in meinen Kreisen geteilt werden, auch mehrfach in meinem Stream auftauchen. Ich gehe allerdings davon aus, dass diese Darstellung nicht beabsichtigt ist und irgendwann in absehbarer Zeit geändert wird, so dass Beiträge nur noch einmal erscheinen.

Etwas allerdings, was mich jetzt schon massiv nervt, sind die User-Sammler (zumindest nenne ich sie so). Dadurch, dass Kontakte nicht wie bei Facebook auf Gegenseitigkeit ausgelegt sind, sondern Jeder erst mal prinzipiell Jedem folgen kann, scheint sich G+ schon jetzt zu einem zweiten Eldorado für diese ganzen selbsternannten Marketing-Experten zu entwickeln, die mir schon bei Twitter ordentlich auf den Senkel gehen. Menschen, denen es nicht um den einzelnen User geht, sondern deren einziges Ziel es ist, von möglichst vielen Leuten gelesen zu werden, um ihre Botschaft an den Mann zu bringen. Wie auch bei Twitter folgen diese Menschen scheinbar erst mal pauschal jedem User, der nicht bei 3 auf den Bäumen ist - in der Hoffnung, dass man sie selbst auch in seine Kreise aufnimmt.

Wobei die Marketing-Menschen nicht die einzigen User sind, die so vorgehen: Ich habe das Gefühl, dass manche Leuten von der Aufbruchsstimmung bei Google+ derart aufgepeitscht werden, dass sie die gesammelte Userschaft als große, virtuelle Familie ansehen, die am besten komplett zu ihren Kreisen hinzugefügt werden muss. Ich meine, ich habe ja auch gerne viele Kontakte, allerdings lege ich dabei Wert auf ein bestimmtes (und manchen Usern scheinbar unwichtiges) Detail: Ich möchte die Menschen kennen, die ich in meinen Kreisen habe - sei es virtuell (z. B. aus Foren oder von Twitter), oder sei es real. Extrem retro, ich weiß. Aber so bin ich nun mal.

Insbesondere die User-Sammler könnten diverse Menschen, die aus der behüteten Welt von Facebook in G+ hineinschnuppern, durchaus verunsichern und abschrecken, weswegen ich diese Entwicklung eher kritisch betrachte - auch wenn das natürlich kein wirkliches Problem ist, da man diese Menschen ja nicht in seine Kreise aufnehmen muss.
Aber naja, vielleicht renkt sich das alles wieder ein, wenn die Euphorie verflogen ist und bei Google+ so etwas wie Normalität einkehrt.


Letztlich aber ändern auch die Kritikpunkte nichts an meinem Fazit: Google+ macht Spaß und ist sympathisch - und am wichtigsten: Es hat meiner Ansicht nach ein enormes Potential.

Dienstag, 21. Juni 2011

In Afrika verhungern die Kinder!

Ryan Dunn ist tot.

Ryan Wer?

Dunn war Bestandteil der Jackass-Crew - dem ausgesprochen schmerzfreien und zweifellos leicht geisteskranken Haufen, der Anfang des Jahrtausends auf MTV sein Unwesen getrieben und mit diversen masochistischen Stunts durchaus den einen oder anderen Zuschauer zum Lachen gebracht hat.
Nun ist er tot. Gestorben im Alter von 34 Jahren hinter dem Steuer seines Porsche, als er offensichtlich unter Alkoholeinfluss die Kontrolle über den Wagen verlor - und zu allem Überfluss ließ bei dem Unfall auch Dunns Beifahrer sein Leben. Dennoch war Dunn (in bestimmten Kreisen zumindest) eine bekannte Persönlichkeit, und wie das beim Tod bekannter Persönlichkeiten eben so ist, ließen die Nachrufe im Internet nicht lange auf sich warten.

Kaum allerdings liefen die ersten Trauermeldungen über Facebook, Twitter & Co., da stand die Opposition schon auf der Matte. Nein, nicht die politische Opposition. Sondern die Moralkeulen-Fetischisten. Kurz gesagt: Die Gutmenschen. Leute, die sich zutiefst entsetzt zeigten, dass es tatsächlich Personen gibt, die den Tod von Ryan Dunn betrauern - obwohl sich in Japan eine Katastrophe unfassbaren Ausmaßes ereignet hat und sich in Fukushima noch immer ereignet.

Nicht anders war es auch beim Tod des jungen Eisbären Knut, der dummerweise nahezu zur gleichen Zeit wie einige zehntausend Japaner gestorben ist. Denen, die es gewagt haben, tatsächlich um den Bären zu trauern, schlug besonders bei Twitter ein regelrechter Sturm der Entrüstung entgegen.

Dabei ist Japan als Moralkeulen-Aufkleber noch ziemlich neu - früher war  das anders.

Früher hieß es "in Afrika verhungern die Kinder!", und es gibt wenige Aussagen auf diesem Planeten, die mich so schnell auf die Palme bringen wie dieser Satz.

Warum mich das so unendlich aufregt? Weil es keine arrogantere, unreflektiertere Reaktion auf ein persönliches Problem, eine Meinungsäußerung oder eine Trauerbekundung gibt. Dieser Satz unterstellt dem Angesprochenen eine schier unglaubliche Oberflächlichkeit und spricht ihm oder ihr gleichzeitig die Fähigkeit ab, zu differenzieren. Sie unterstellt, dass eine Person nicht in der Lage ist, sich gleichzeitig von Hungersnöten, Erdbeben, Atomkatastrophen - und dem Tod von verrückten Nischen-TV-Stars oder kleinen Eisbären bewegen zu lassen.

Und es regt mich auf, weil Menschen, die derartige Sätze sagen, sich moralisch über ihre Mitmenschen stellen und nicht zu begreifen scheinen, dass Probleme, Leid, Anteilnahme und Trauer relativ und subjektiv sind.
Als beispielsweise vor einigen Jahren meine Meerschweinchen nacheinander alt wurden und gestorben sind, sind garantiert in gleichen Moment irgendwo auf der Welt hunderte Menschen vergewaltigt, gefoltert, hingerichtet oder einfach durch einen schrecklichen Unfall getötet worden - trotzdem habe ich um meine Meerschweinchen geweint. Um jedes einzelne. Nicht um die Menschen. Die Menschen haben mich in diesem Moment nicht die Bohne interessiert. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch?

Würde ein Mensch zu einem Freund, der gerade seine Frau bei einem Autounfall verloren hat, sagen "Jetzt bleib mal locker, in Japan sind Zehntausende gestorben."? Oder etwas weniger drastisch: Käme eine Mutter auf die Idee, nach der Auflösung von Take That den Weinkrämpfen ihrer Tochter zu begegnen, indem sie zu ihr sagt: "Jetzt stell Dich nur wegen einer Band mal nicht so an - in Afrika verhungern die Kinder!"
Nein, denn die meisten Menschen würden in der Situation (hoffentlich) begreifen, dass in diesem konkreten Moment für einen anderen Menschen eine Welt zusammengebrochen ist - und nur das zählt. So unwichtig der Anlass der Trauer für Außenstehende auch sein mag. Und ich bemitleide die Menschen, die das tatsächlich nicht erkennen.

Darüber hinaus vergessen die selbsternannten Moralapostel einen ganz wichtigen Punkt: Sie handeln eigentlich nicht konsequent. Denn würden sie konsequent handeln, müssten sie sich ihre unendliche Trauer über das Leid auf der Welt selbst ständig vor Augen halten und sich entsprechend verhalten. Nicht mehr lachen, wenn jemand einen Witz erzählt (schließlich verhungern gerade Kinder in Afrika). Nicht mehr ausgehen (schließlich geben gerade einige Menschen in Fukushima ihr Leben, um den Super-GAU einzudämmen).

Eigentlich müssten sich diese Menschen selbst jede Freude versagen, denn es wird immer im gleichen Moment etwas auf der Welt passieren, was schrecklich ist - und was objektiv wesentlich schwerer wiegt als das subjektive Empfinden.

Aber das wäre dann wohl doch zu anstrengend.

Freitag, 29. April 2011

Von U-Bahn-Schlägern und Killerspielen

Dem einen oder anderen Leser meines Blogs ist es vielleicht schon aufgefallen: Manchmal hasse ich Politik. Naja, eigentlich sogar ziemlich oft, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Besonders aber hasse ich Politik dann, wenn in unserem Land etwas passiert, was auf grundlegende gesellschaftliche Probleme hindeutet, und die Politik darauf reagiert, indem eine rein populistische "Lösung" des Problems gefordert oder verkündet wird.

In diesem Fall geht es um die scheinbar immer häufiger werdenden Schlägereien in U-Bahnen - oder vielmehr um die teilweise leider erfolgreichen, teilweise glücklicherweise erfolglosen Versuche mancher Individuen, andere Individuen totzutreten. Beispielsweise weil sie die Frechheit besessen hatten, keine Zigaretten zu haben. Meist werden solche Taten dann auf die schwere Kindheit zurückgeführt - oder auf den Alkohol. So weit, so schlecht.

Die Politik hat da nun leider ein Problem: Die BILD-Leserschaft verlangt nach Lösungen - und da die Todesstrafe in diesem Land leider gegen die Verfassung verstößt, müssen eben andere schnelle "Lösungen" her. Ganz vorne bei der Suche nach diesen Lösungen mit dabei: Mein guter Freund, der bayerische Innenminister Herrman.
Richtig, der Herr, der der Ego-Shooter mit Kinderpornographie auf eine Stufe stellt ("In ihren schädlichen Auswirkungen stehen Killerspiele auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, deren Verbot zurecht niemand in Frage stellt."). Von seinem Sohn, der sich als Erlanger Gangsta-Rapper inszeniert, laut seiner eigenen Texte "Wodka wie Wasser trinkt" und angeblich alles fickt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, will ich jetzt gar nicht anfangen.

Jedenfalls fordert Herrmann nun, dass Nürnberg zum bundesweiten Vorbild wird. Nürnberg deswegen, weil hier seit diesem Jahr der Konsum alkoholischer Getränke in öffentlichen Verkehrsmitteln und Bahnhöfen verboten ist. Wer einmal gesehen hat, wie Gruppen von Jugendlichen auf dem Weg in die Disko in der U-Bahn sitzen und mit Billig-Wodka ordentlich vorglühen, der weiß: Die schlechteste Idee ist dieses Verbot sicher nicht. Nur die Gewalt wird dadurch nicht verhindert werden. Der Alkoholkonsum wird sich verlagern, dennoch werden weiterhin alkoholisierte Menschen auf der Suche nach Streit mit den Öffentlichen fahren. Aber Hauptsache, dem Stimmvieh wird suggeriert, dass man sich des Problems annehme.

Es ist wie mit Ego-Shootern, die seitens der Politik teilweise als Wurzel allen Übels in diesem Land dargestellt werden. Wann immer ein junger Mensch ausrastet oder Amok läuft: Die Ego-Shooter sind schuld. Oder die angeblich viel zu laxen deutschen Waffengesetze. Und anstatt sich der gesellschaftlichen Probleme, die solchen Taten zugrunde liegen, anzunehmen, werden einfache und schnelle "Lösungen" präsentiert. Dass zukünftige Gewalttaten dadurch nicht verhindern werden, scheint nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Dabei reicht ein Blick zu unseren direkten Nachbarn, um solche vermeintlichen Lösungen als reinen Populismus zu entlarven. Österreich beispielsweise. In dem Land gibt es sämtliche "Killerspiele" ungeschnitten (was meine Rettung ist, denn auch ich bin - jetzt muss es raus - leidenschaftlicher Killerspiel-Spieler), und die Waffengesetze sind auch wesentlich weniger restriktiv als in Deutschland. Heißt: Eigentlich hätte sich das Land schon längst selbst ausrotten müssen. Seltsamerweise aber gehören Amokläufe oder andere Gewalttaten dieser Art in Österreich zur absoluten Ausnahme - aber das ficht deutsche Politiker auf ihrer Suche nach Problemlösungen nicht an.

So wird es vermutlich kommen, dass bald bundesweit Alkohol in den öffentlichen Verkehrsmitteln tabu ist. Wie gesagt, die Idee ist durchaus gut, nur wird sie das Gewaltproblem nicht lösen - denn wenn Menschen erst dann richtig zu prügeln beginnen, wenn der Gegner bereits bewegungslos am Boden liegt, dann liegt in der Gesellschaft etwas absolut Grundsätzliches im Argen.

Und wenn die Parteien dann feststellen, dass die Schlägereien in den Öffentlichen trotz Alkoholverbots nicht abgenommen haben, muss ganz schnell eine weitere, neue "Lösung" her.

Wer weiß - vielleicht sind zur Abwechslung einmal die Killerspiele schuld.

Mittwoch, 27. April 2011

Wenn die Hilfsbereitschaft auf der Strecke bleibt

Ich hatte die Antwort schon auf den Lippen, als er seine Frage noch gar nicht gestellt hatte. Ich hatte ihn nur aus den Augenwinkeln auf mich zukommen gesehen, als meine Freundin und ich gerade aus dem Auto ausgestiegen waren. Camouflage-Hose, weißes T-Shirt - beide Teile hatten ihre besten Tage schon Jahre hinter sich. Und im Schlepptau natürlich den obligatorischen Mischlingshund. Das machte mir die Antwort leicht: "Nein". Kurz, knapp, kompromisslos. Die Standardantwort auf die Frage eines Fremden, ob ich nicht ein wenig Geld übrig hätte.

Eigentlich bin ich sehr hilfsbereit - außer dann, wenn mich Leute anbetteln. Und auch das war nicht immer so. Ich hatte nur einfach irgendwann die Schnauze voll davon, durch die Stadt zu laufen und an jeder verdammten Straßenecke von Punks um Geld oder Kippen angeschnorrt zu werden. Von Menschen, die demonstrativ auf die Gesellschaft scheißen, sich einen Button der APPD ("Arbeit ist scheiße") an die Jacke pinnen, dennoch aber der Ansicht sind, ich sollte ihnen einen kleinen Teil meines erarbeiteten Geldes abgeben. Da könnte ich eigentlich gleich in meiner Toilette wohnen, so viel möchte ich kotzen. Und dadurch habe ich es mir antrainiert, dieses "nein". Egal, wer der Mensch ist, der mich da um Geld bittet.

Und dann, nach meinem "nein", sah ich mir den Mann an, der mich gefragt hatte.
Er war vielleicht um die 50, war vermutlich mal im Gefängnis (nach den Tätowierungen zu urteilen) - und er war irgendwie gebeugt. Nicht unbedingt äußerlich. Innerlich. Sah meiner Freundin und mir bei seiner Frage kaum in die Augen - und genau so hatte er seine Frage auch gestellt. Nicht mit dem von mir verhassten herausfordernden breiten Grinsen und dem üblichen "Ey, haste ma'n Euro?", sondern leise, irgendwie hoffnungslos. "Entschuldigung, dürfte ich Sie ganz höflich mal was fragen? Haben Sie vielleicht ein paar Pfennig für mich?" Und nachdem ich das verneint hatte: "Ok, bitte seien Sie nicht böse". Sagte er, drehte sich um und ging wieder. Ein Mensch, der nicht bettelte, weil er einfach keine Lust auf Arbeit hatte, sondern weil er sowieso keinen Job mehr findet

In diesem Moment habe ich mich gehasst.

Ich war mit meiner Freundin auf dem Weg zum Nürnberger Volksfest, hatte 35 Euro dabei und hätte ihm problemlos etwas davon geben können. Und ich habe es nicht getan.
Ich kann mich nicht erinnern, wann mir ein Mensch zuletzt spontan so leid getan hat wie dieser Mann, und trotzdem habe ich ihn kein Geld gegeben. Hatte auch nicht den Mut, meinen Irrtum einzugestehen. Ich hätte ihn zurückrufen und ihm einen Fünfer geben können, und ich habe es nicht getan.

Dafür tat es meine Freundin. Sie sah mich einfach nur an, fragte mich "wollen wir ihm nicht doch was geben? Er tat mir so leid." Ich gab ihr meinen Geldbeutel, sie fischte ein paar Euro heraus und lief dem Mann hinterher. Ich blieb beim Auto. Ich weiß nicht genau, warum ich nicht mitging, aber ich glaube, ich habe mich vor mir selbst geschämt.
Als meine Freundin wieder da war, erzählte sie mir, wie sehr sich der Mann gefreut hatte. Glaube ich sofort - so etwas passiert ihm vermutlich einmal pro Jahr (wenn es gut läuft).

Ich bin heilfroh, dass meine Freundin meinen Fehler korrigiert hat, sonst würde ich mich noch wesentlich schlechter fühlen, als ich das ohnehin schon tue. Ich wünschte nur, ich hätte ihm das Geld selbst gegeben.

Aber vielleicht lerne ich ja etwas daraus. Dass ich mir die Menschen, die mich um etwas bitten, einfach mal ein wenig genauer ansehe zum Beispiel. Oder dass man aufpassen muss, dass in der modernen Welt nicht die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Ich hoffe sehr, dass mir das diverse "Haste ma'n Euro"-Punks nicht wieder austreiben.

Dienstag, 26. April 2011

Im Sog der Welt von Warcraft

Hätte mich im Jahre 2005 jemand vor World of Warcraft gewarnt, hätte ich wahrscheinlich nur gelacht. "Das ist ein Computerspiel, keine Droge!" hätte ich vermutlich gesagt - im Brustton der Überzeugung, dass mich doch kein niedlich gemachtes Fantasy-Rollenspiel aus der Bahn werfen könne. Und ich hätte nicht geahnt, wie falsch ich mit dieser Aussage liegen würde.

Gelegentlich trifft es mich heute noch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es müsste gut ein Jahr her sein, dass ich abends mit einigen Freunden beisammen saß - einer meiner Freunde führte gerade diverse neue Klingeltöne seines Handys vor. Ich hatte eigentlich gar nicht wirklich zugehört, als plötzlich der tragende, sphärische Soundtrack von Nagrand ertönte - diesem Gebiet in der "Scherbenwelt" von World of Warcraft, das an eine urzeitliche Steppe in der Regenzeit erinnert. Plötzlich sah ich das alles wieder glasklar vor mir, als hätte ich das Spiel erst gestern an den Nagel gehängt. Dabei hatte ich bereits ein Jahr vorher meinen Account verkauft.

Dieser Verkauf war eine Kurzschlusshandlung aus einer spontanen Laune heraus - und ich glaube nach wie vor, dass das die einzige Art ist, aus WoW auszusteigen, wenn einen das Spiel einmal wirklich richtig gepackt hat. Der kalte Entzug, von jetzt auf gleich - und trotzdem ist man nie wirklich clean. Dabei hat alles völlig harmlos begonnen.

"Sinenomen" war mein Name, lateinisch für "ohne Namen" - und ich weiß bis heute nicht, ob das eigentlich grammatikalisch richtig war. Ich war ein Hexenmeister auf Aman'Thul, einem der Server, auf denen die deutsche Version von World of Warcraft läuft.

Es musste ein untoter Hexenmeister sein, da bestand für mich nie ein Zweifel: Hexenmeister stehen, um einen Vergleich zu einer anderen epischen Saga zu bemühen, auf der dunklen Seite der Macht. Ich fand die dunklen Charaktere immer schon interessanter und faszinierender, und ein untoter Hexenmeister bot einfach jede Menge Projektionsfläche für Hintergrund- und Vorgeschichten voller Tragik, Trauer und Tod.

Also habe ich mich - die tragische Geschichte meines Hexenmeisters immer im Hinterkopf - in die Welt von Warcraft gestürzt. Als kleiner Charakter ohne jegliche Erfahrung in Online-Rollenspielen, dafür aber mit umso mehr Enthusiasmus. Ich hatte ein Leben, Freunde, Hobbies und entsprach auch körperlich nicht dem Klischee des vereinsamten "Nerds" mit dicken Brillengläsern, Pickeln und einem Hang zum Übergewicht. Ich war also jemand, der den Verlockungen einer gigantisch großen, interaktiven Spielwelt sicherlich nicht erliegen würde. Das dachte ich zumindest damals, Anfang 2005. Doch ich hatte unterschätzt, wie leicht es mir das Spiel machen würde.

Es ist leicht, in WoW Erfolg zu haben. Besonders am Anfang steigt man sehr schnell in höhere Stufen auf, erlernt neue und mächtigere Zauber, bekommt als Hexenmeister seinen ersten dämonischen Begleiter, und auch wenn man mal das Zeitliche segnet (was durchaus gelegentlich passiert) bleibt die Frustration immer auf einem angenehm niedrigen Niveau.

Es ist leicht, sich in WoW wohlzufühlen und virtuelle Freundschaften zu schließen. Die verschiedenen Gebiete sind zwar eher grafisch naiv und eher comicartig gehalten, dennoch aber ansprechend gestaltet und meist mit ausgesprochen passender Musik untermalt. Und egal was man tut, man ist eigentlich nie wirklich alleine, weil auch nachts mindestens einige hundert Spieler die jeweiligen Server bevölkern. Das ist der besondere Reiz von World of Warcraft.

Und nach einiger Zeit fing es bei mir an, dieses "nur noch schnell". Nur noch schnell diese eine Quest beenden. Nur noch schnell beim Zauberlehrer meine neuen Zauber erlernen. Nur noch schnell einige Gegenstände ins Auktionshaus, die WoW-Variante von eBay, stellen. Nur noch schnell jemandem bei einer Quest helfen. Nur noch schnell auf das Schlachtfeld, um gegen die Spieler der gegnerischen Fraktionen zu kämpfen, was immer meine Lieblingsbeschäftigung war.

Und dann folgte häufig der Schreck beim Blick auf die Uhr, weil schon wieder so viel Zeit vergangen war und ich in dieser Zeit eigentlich andere Dinge hätte tun wollen. Und ich musste erkennen, dass ich - obwohl ich das nie für möglich gehalten hätte - dem Reiz von World of Warcraft doch erlegen war. Dem Reiz, auf meinem Netherdrachen, einem damals extrem seltenen Reittier, durch die Scherbenwelt zu fliegen. Dem Reiz, auf den Schlachtfeldern meistens der Sieger im Kampf Mann gegen Mann zu sein und danach gefragt zu werden "Alter, wie machst Du das?!?" Dem Reiz, einfach ein Teil dieser riesigen virtuellen und doch so lebendigen Welt zu sein, die nie schläft, und die so herrlich kalkulierbar ist.

Im Oktober 2008 habe ich dann schließlich die Gelegenheit zum Ausstieg genutzt. Ich war gerade relativ frustriert über das System des Spieler-gegen-Spieler-Kampfes und habe mein WoW-Abonnement gekündigt. Habe aus einer spontanen Laune heraus die Reißleine gezogen. Im gleichen Atemzug habe ich meinen Account zum Verkauf freigegeben - denn ich wusste, wenn ich ihn nur deaktivieren würde, würde ich schließlich doch wieder weiterspielen. Irgendwann.

Ich möchte World of Warcraft nicht verteufeln, denn es ist wirklich ein unvergleichlich schönes und lebendiges Spiel. Komplex und doch einfach zu verstehen - und es gibt weltweit Millionen von Spielern, die das Spiel einfach als das nehmen, was es ist: Ein Spiel. Und doch gibt es viele Menschen, für die WoW mehr wird. Ich war einer davon.

Man kann sich verlieren in der Welt von Warcraft, und eigentlich hatte ich großes Glück, denn ich habe trotz dieses regelrechten Sogs weder meine Freunde verloren, noch mein Studium oder meine Beziehung in den Sand gesetzt. Aber es war ausgesprochen knapp - und ich kenne Menschen, bei denen verlief es nicht so glimpflich.

Ein Bekannter von mir, der noch deutlich tiefer im Spiel steckte als ich, hat beispielsweise seine Abiturprüfung vergessen. Er hat nicht einfach nur das Lernen für die Prüfung vernachlässigt - er hat tatsächlich vergessen, dass die Prüfung überhaupt stattfindet. Eigentlich wollte er nach dem Abitur Medizin studieren, und nach seinen Noten in der zwölften Klasse zu urteilen, hätte er das auch problemlos geschafft.

Jetzt verkauft er Staubsauger.

Dienstag, 29. März 2011

Sind die Grünen die neue FDP?

"Grünen-Chef Cem Özdemir hat leise Zweifel an einem Volksentscheid über das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 angemeldet. Nach dem Stresstest und seiner Bewertung könne "möglicherweise" eine Abstimmung der Bürger stehen, sagte Özdemir im Deutschlandradio Kultur." Diese Meldung lief gestern noch über die Nachrichtenagentur dpa - und sie zeigt, warum den Grünen meiner Ansicht nach das gleiche Schicksal bevorsteht wie der FDP nach der letzten Bundestagswahl.

2009 wollten die Deutschen eine politische Veränderung - genauer gesagt: Ein Ende des politischen Stillstands und der ständigen Konflikte in der großen Koalition. Die FDP verstand es in ihrem Wahlkampf, diese Tendenzen zu nutzen und versprachen den Wählern neben Steuererleichterungen ein simples aber wirkungsvolles "es wird wieder was vorangehen". Und es funktionierte. Selbst Menschen, die die FDP sonst im Traum nicht wählen würden (so wie ich) stimmten für die Partei. Meinen langen Weg zur FDP und das Resultat meiner Wahlentscheidung habe ich ja bereits in meinem ersten Blogeintrag beschrieben. So schnell wie der Aufstieg der FDP war allerdings auch ihr Absturz, als immer mehr Wahlversprechen platzten und die Partei in völliger Selbstüberschätzung begann, die CDU unter Druck zu setzen und zu blockieren.

Nun - 2011 - ist die Stimmung in Deutschland noch aufgeheizter als vor zwei Jahren. Nicht nur hat sich die Bundesregierung selbst in einen Zustand völliger Bewegungslosigkeit (bzw. im Falle der FDP in die völlige Bedeutungslosigkeit) hinein manövriert, sondern auch andere Ereignisse taten ihr möglichstes, die Hilflosigkeit der Regierung noch zu unterstreichen.

In Japan bebte die Erde, der GAU in einem der dortigen Atomkraftwerke hat technisch gesehen die Grenze zum Super-GAU schon überschritten, und plötzlich fallen auch die glühendsten AKW-Befürworter der deutschen Regierung um. Einer nach dem anderen. Möglicherweise hätte das sogar halbwegs funktioniert, wäre es in Reihen der FDP nicht ebenfalls zu einem Super-GAU gekommen: Rainer Brüderle plauderte vertraulich aus, was sich ohnehin bereits jeder gedacht hat: Dass die Ankündigung eines Atomausstiegs lediglich Wahlkampfmanöver wären. Dummerweise wurde das Gespräch protokolliert und fand seinen Weg an die Öffentlichkeit.
So konnten sich die Grünen wieder auf ihr ureigenstes Thema einschießen: Den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft. Dass die Grünen auf Bundesebene bereits sieben Jahre (mit) an der Macht waren und von den deutschen AKW auch in dieser Zeit kein einziges abgeschaltet wurde, lasse ich hier mal unerwähnt. 

In Stuttgart wird plötzlich von der gefühlten Gesamtbevölkerung der Stadt gegen das Mammut-Projekt Stuttgart 21 protestiert, das eigentlich seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten angekündigt ist, und gegen das eigentlich niemand etwas hatte. Bis dann (natürlich vollkommen überraschend) die Bagger anrollten und den Stuttgartern auffiel, dass da ja einige schützenswerte Bäume auf dem Bahnhofsgelände stehen, und dass der ausgesprochen hässliche Bahnhof ja irgendwie doch ganz hübsch ist.
Ganz vorne beim Protest dabei: Die Grünen. Wie die FDP hatten sie die Zeichen der Zeit erkannt und nutzten den Protest gegen Stuttgart 21 für ihre Zwecke. Dass es sich dabei um Protest gegen ein Projekt handelte, das dem Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel dienen und die Bahn in Stuttgart effizienter machen soll, geriet zur reinen Randnotiz.
Allerdings lieferte die baden-württembergische Landesregierung unter Stefan Mappus letztlich die ultimative Steilvorlage für die grünen Proteste: Durch eine katastrophale (weil nicht vorhandene) Kommunikation mit der Öffentlichkeit und eine "Basta"-Politik, die man eher von der CSU erwarten würde, tat die CDU unter Mappus ihr Bestes, sich möglichst effizient selbst zu demontieren

Das Resultat all dieser Entwicklungen: Mit fast 25% der abgegebenen Stimmen in Baden Württemberg erreichten die Grünen ein absolutes Fabelergebnis. Wieder wollen die Menschen, dass sich etwas ändert. Das Problem ist: Grüne Wahlversprechen haben - das hat zum Beispiel die Bundestagswahl 1998 gezeigt - eine noch wesentlich kürzere Halbwertszeit als die der konservativeren Parteien, weil die Grünen leider tatsächlich das Stadium der "Dagegen-Partei" noch nicht hinter sich gelassen haben und teilweise zwar ehrenhafte, dennoch aber kaum umsetzbare Ziele verfolgen. Es ist eben leicht, in der Opposition gegen etwas zu sein. Es ist dagegen sehr schwer, in der Regierung für etwas zu sein, und ich prognostiziere: Die Grünen werden scheitern - so wie die FDP.

Das Problem der Grünen ist: Die Grünen Wahlversprechen vertragen keine Kompromisse - und wenn eine Partei nicht die absolute Mehrheit erreicht und alleine regieren kann, muss sie in der Regierung Kompromisse eingehen. Das an sich wäre ja kein Drama, nur haben die Wähler der Grünen nach meinem Empfinden immer einen gewissen Hang zum Fundamentalismus. Für viele gilt: Entweder ganz oder gar nicht. Atomausstieg, Stuttgart 21, der Bundeswehreinsatz in Afghanistan - das sind keine Themen, bei denen die Wähler Kompromisse akzeptieren werden. Sie werden sich verraten fühlen, wenn sich die Grüne Führungsspitze irgendwann vor die Menschen stellen und ihnen erklären muss, dass Stuttgart 21 jetzt halt doch irgendwie ein wenig weitergebaut wird.


Und wenn ich Özdemirs Äußerung richtig interpretiere, dann hat diese leise, versteckte Erosion der Grünen bereits begonnen.

Donnerstag, 24. März 2011

Manche Sünden wiegen schwer - Geständnis eines FDP-Wählers

Ich gestehe - ich habe etwas Schlimmes getan. Ich meine damit keinen Kleinkram wie die Tatsache, dass für mich in meiner Jugend Knight Rider die beste aller möglichen Fernsehserien im gesamten Universum war, oder dass ich tatsächlich mal Europe für gute Musik gehalten habe. Die Sünde, über die ich sprechen möchte, wiegt schwerer. Und sie schmerzt mich jeden Tag aufs Neue, wenn ich mich durch die Medien klicke. Schande über mich.

Ich habe bei der letzten Bundestagswahl die FDP gewählt.

So, jetzt ist es raus - aber vielleicht kann ich meine Tat ein wenig entschuldigen, wenn ich erkläre, wie ich zu dieser heute gänzlich unglaublich Wahlentscheidung gekommen bin.

Ich bin eigentlich ein extrem politischer Mensch. Ich stamme aus einem klassischen Bildungsbürger-Haushalt, und so wurde ich bereits in meiner Kindheit ständig mit Gesprächen über Politik konfrontiert - und wenn ich nicht gerade mit Knight Rider, Hard Rock oder der generellen Pubertäts-Rebellion beschäftigt war, fand ich das alles sogar recht interessant.
Dann wurde ich 18 und durfte wählen. Unglaublich aber wahr: Ich hatte mich tatsächlich darauf gefreut, das Land ein wenig mitzugestalten. In einem kleinen Rahmen zwar, aber immerhin.

Ich wählte natürlich grün. Meine Pubertät war noch nicht vorbei, ich war ein Langhaariger, Anzugträger waren mir ein Gräuel, Helmut Kohl das perfekte Feindbild, und Auto hatte ich auch noch keines. Da kamen mir die Grünen gerade recht. 5 DM für einen Liter Benzin? Aber klar, immer her damit.

Dann kam das Jahr 1998, und ich wurde den Grünen untreu: Ich wählte die SPD. Allerdings aus einem höchst pragmatischen Grund, schließlich wollte ich die Ära Kohl beenden - und da schien es mir geschickter, meine Stimme der SPD zu geben. Hat ja auch hervorragend funktioniert. Dass diese Wahlentscheidung mein erster Schritt zu einer langjährigen Karriere als Nichtwähler war, war mir zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht klar.

Mittlerweile war ich 24 und sah die Welt mit etwas anderen Augen - und das nicht nur, weil ich das Benzin, das ich verfuhr, nicht mehr generell von meinen Eltern bezahlen lassen konnte.

Die Freude über das Ende der Ära Kohl währte nicht allzu lange, denn schnell erkannte ich, dass sich eigentlich nicht wirklich etwas geändert hatte. Ich musste miterleben, wie die Grünen ein Wahlversprechen nach dem anderen opferten. Einerseits, weil sie schlicht und einfach der kleinere Koalitionspartner waren. Andererseits - und das war wesentlich schlimmer - aus reinem parteipolitischen Kalkül. Sie waren in der Welt der Großen angekommen, und da ging man Deals ein. Auch wenn diese Deals nur noch entfernte Ähnlichkeit mit den eigenen Idealen hatten.
Selbstverständlich war mir auch damals schon klar, dass man Kompromisse eingehen muss; nur die Leichtigkeit, mit der die Grünen ihre politischen Ideale über Bord warfen, entsetzte mich.

Ich hatte die politische Landschaft verändern wollen - und letztlich blieb doch alles gleich. Der Filz und die Vetternwirtschaft des Systems Kohl setzte sich mit rot-grünem Anstrich fort. Und als dann kurz nach dem dem Regierungswechsel 2005 Schröder seinen Wechsel in den Vorstand eines Tochterunternehmens des russischen Mineralölkonzerns Gazprom bekannt gab, wurde mir klar: Nichts ändert sich.

Ich sehe das so: Als kleine Partei mag man noch so ehrenhafte Ziele haben. Um aber in eine Position zu kommen, in der man diese Ziele durchsetzen durchsetzen könnte, muss man so viele Kompromisse eingehen und so vielen Interessensgemeinschaften einen Gefallen tun, dass man letztlich so wird wie Diejenigen, die man politisch immer bekämpft hat.
Mit anderen Worten: Wenn man irgendwann ganz oben dabei ist, hat man seine eigenen Ideale schon so sehr verraten, dass sie politisch ohnehin nicht mehr zu verwirklichen sind.

Und so wurde ich zum Nichtwähler.

Naja - bis ich dachte, die FDP wäre die politische Rettung dieses Landes.

Es war 2009. Die langen Haare waren schon lange ab, auf gewisse Weise bin ich mittlerweile selbst ein Anzugträger (bei bestimmten Gelegenheiten zumindest), die Grünen hielt ich schon seit rund zehn Jahren nicht mehr für wählbar, und ich hatte die Schnauze gestrichen voll von der schwarz-roten Dauerblockade im Bundestag.

Ich habe die FDP übrigens nicht wegen ihrer Wahlversprechen gewählt, schließlich überdauern diese Versprechen im Normalfall nicht einmal die Plakate, auf die sie gedruckt waren. Ich dachte einfach nur, mit schwarz-gelb ginge in Deutschland endlich wieder einmal etwas voran - indem zwei Parteien, die politisch einigermaßen auf der gleichen Linie liegen, gemeinsam an einem Strang ziehen. Hätte ich allerdings geahnt, dass die FDP - beflügelt von ihren fast 15% - die Regierungsarbeit wesentlich effektiver blockieren würde, als das die SPD jemals geschafft hatte, ich wäre daheim geblieben.

Aber ich habe meine Lehre daraus gezogen: Ich kehre zurück ins Lager der "aktiven Nichtwähler", wie ich sie nenne. Menschen, die politisch interessiert sind, die aber dennoch (oder gerade deswegen) den Glauben in das politische System, oder eher in die Möglichkeit einer politischen Veränderung verloren haben.

Bis irgendwann die nächste Partei auf der Bildfläche erscheint, die etwas verändern könnte. Und diese Partei wird es - im Gegensatz zu anderen - sicherlich schaffen, wirklich etwas zu verändern.


Selten so gelacht.