Dienstag, 26. April 2011

Im Sog der Welt von Warcraft

Hätte mich im Jahre 2005 jemand vor World of Warcraft gewarnt, hätte ich wahrscheinlich nur gelacht. "Das ist ein Computerspiel, keine Droge!" hätte ich vermutlich gesagt - im Brustton der Überzeugung, dass mich doch kein niedlich gemachtes Fantasy-Rollenspiel aus der Bahn werfen könne. Und ich hätte nicht geahnt, wie falsch ich mit dieser Aussage liegen würde.

Gelegentlich trifft es mich heute noch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es müsste gut ein Jahr her sein, dass ich abends mit einigen Freunden beisammen saß - einer meiner Freunde führte gerade diverse neue Klingeltöne seines Handys vor. Ich hatte eigentlich gar nicht wirklich zugehört, als plötzlich der tragende, sphärische Soundtrack von Nagrand ertönte - diesem Gebiet in der "Scherbenwelt" von World of Warcraft, das an eine urzeitliche Steppe in der Regenzeit erinnert. Plötzlich sah ich das alles wieder glasklar vor mir, als hätte ich das Spiel erst gestern an den Nagel gehängt. Dabei hatte ich bereits ein Jahr vorher meinen Account verkauft.

Dieser Verkauf war eine Kurzschlusshandlung aus einer spontanen Laune heraus - und ich glaube nach wie vor, dass das die einzige Art ist, aus WoW auszusteigen, wenn einen das Spiel einmal wirklich richtig gepackt hat. Der kalte Entzug, von jetzt auf gleich - und trotzdem ist man nie wirklich clean. Dabei hat alles völlig harmlos begonnen.

"Sinenomen" war mein Name, lateinisch für "ohne Namen" - und ich weiß bis heute nicht, ob das eigentlich grammatikalisch richtig war. Ich war ein Hexenmeister auf Aman'Thul, einem der Server, auf denen die deutsche Version von World of Warcraft läuft.

Es musste ein untoter Hexenmeister sein, da bestand für mich nie ein Zweifel: Hexenmeister stehen, um einen Vergleich zu einer anderen epischen Saga zu bemühen, auf der dunklen Seite der Macht. Ich fand die dunklen Charaktere immer schon interessanter und faszinierender, und ein untoter Hexenmeister bot einfach jede Menge Projektionsfläche für Hintergrund- und Vorgeschichten voller Tragik, Trauer und Tod.

Also habe ich mich - die tragische Geschichte meines Hexenmeisters immer im Hinterkopf - in die Welt von Warcraft gestürzt. Als kleiner Charakter ohne jegliche Erfahrung in Online-Rollenspielen, dafür aber mit umso mehr Enthusiasmus. Ich hatte ein Leben, Freunde, Hobbies und entsprach auch körperlich nicht dem Klischee des vereinsamten "Nerds" mit dicken Brillengläsern, Pickeln und einem Hang zum Übergewicht. Ich war also jemand, der den Verlockungen einer gigantisch großen, interaktiven Spielwelt sicherlich nicht erliegen würde. Das dachte ich zumindest damals, Anfang 2005. Doch ich hatte unterschätzt, wie leicht es mir das Spiel machen würde.

Es ist leicht, in WoW Erfolg zu haben. Besonders am Anfang steigt man sehr schnell in höhere Stufen auf, erlernt neue und mächtigere Zauber, bekommt als Hexenmeister seinen ersten dämonischen Begleiter, und auch wenn man mal das Zeitliche segnet (was durchaus gelegentlich passiert) bleibt die Frustration immer auf einem angenehm niedrigen Niveau.

Es ist leicht, sich in WoW wohlzufühlen und virtuelle Freundschaften zu schließen. Die verschiedenen Gebiete sind zwar eher grafisch naiv und eher comicartig gehalten, dennoch aber ansprechend gestaltet und meist mit ausgesprochen passender Musik untermalt. Und egal was man tut, man ist eigentlich nie wirklich alleine, weil auch nachts mindestens einige hundert Spieler die jeweiligen Server bevölkern. Das ist der besondere Reiz von World of Warcraft.

Und nach einiger Zeit fing es bei mir an, dieses "nur noch schnell". Nur noch schnell diese eine Quest beenden. Nur noch schnell beim Zauberlehrer meine neuen Zauber erlernen. Nur noch schnell einige Gegenstände ins Auktionshaus, die WoW-Variante von eBay, stellen. Nur noch schnell jemandem bei einer Quest helfen. Nur noch schnell auf das Schlachtfeld, um gegen die Spieler der gegnerischen Fraktionen zu kämpfen, was immer meine Lieblingsbeschäftigung war.

Und dann folgte häufig der Schreck beim Blick auf die Uhr, weil schon wieder so viel Zeit vergangen war und ich in dieser Zeit eigentlich andere Dinge hätte tun wollen. Und ich musste erkennen, dass ich - obwohl ich das nie für möglich gehalten hätte - dem Reiz von World of Warcraft doch erlegen war. Dem Reiz, auf meinem Netherdrachen, einem damals extrem seltenen Reittier, durch die Scherbenwelt zu fliegen. Dem Reiz, auf den Schlachtfeldern meistens der Sieger im Kampf Mann gegen Mann zu sein und danach gefragt zu werden "Alter, wie machst Du das?!?" Dem Reiz, einfach ein Teil dieser riesigen virtuellen und doch so lebendigen Welt zu sein, die nie schläft, und die so herrlich kalkulierbar ist.

Im Oktober 2008 habe ich dann schließlich die Gelegenheit zum Ausstieg genutzt. Ich war gerade relativ frustriert über das System des Spieler-gegen-Spieler-Kampfes und habe mein WoW-Abonnement gekündigt. Habe aus einer spontanen Laune heraus die Reißleine gezogen. Im gleichen Atemzug habe ich meinen Account zum Verkauf freigegeben - denn ich wusste, wenn ich ihn nur deaktivieren würde, würde ich schließlich doch wieder weiterspielen. Irgendwann.

Ich möchte World of Warcraft nicht verteufeln, denn es ist wirklich ein unvergleichlich schönes und lebendiges Spiel. Komplex und doch einfach zu verstehen - und es gibt weltweit Millionen von Spielern, die das Spiel einfach als das nehmen, was es ist: Ein Spiel. Und doch gibt es viele Menschen, für die WoW mehr wird. Ich war einer davon.

Man kann sich verlieren in der Welt von Warcraft, und eigentlich hatte ich großes Glück, denn ich habe trotz dieses regelrechten Sogs weder meine Freunde verloren, noch mein Studium oder meine Beziehung in den Sand gesetzt. Aber es war ausgesprochen knapp - und ich kenne Menschen, bei denen verlief es nicht so glimpflich.

Ein Bekannter von mir, der noch deutlich tiefer im Spiel steckte als ich, hat beispielsweise seine Abiturprüfung vergessen. Er hat nicht einfach nur das Lernen für die Prüfung vernachlässigt - er hat tatsächlich vergessen, dass die Prüfung überhaupt stattfindet. Eigentlich wollte er nach dem Abitur Medizin studieren, und nach seinen Noten in der zwölften Klasse zu urteilen, hätte er das auch problemlos geschafft.

Jetzt verkauft er Staubsauger.

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