Mittwoch, 27. April 2011

Wenn die Hilfsbereitschaft auf der Strecke bleibt

Ich hatte die Antwort schon auf den Lippen, als er seine Frage noch gar nicht gestellt hatte. Ich hatte ihn nur aus den Augenwinkeln auf mich zukommen gesehen, als meine Freundin und ich gerade aus dem Auto ausgestiegen waren. Camouflage-Hose, weißes T-Shirt - beide Teile hatten ihre besten Tage schon Jahre hinter sich. Und im Schlepptau natürlich den obligatorischen Mischlingshund. Das machte mir die Antwort leicht: "Nein". Kurz, knapp, kompromisslos. Die Standardantwort auf die Frage eines Fremden, ob ich nicht ein wenig Geld übrig hätte.

Eigentlich bin ich sehr hilfsbereit - außer dann, wenn mich Leute anbetteln. Und auch das war nicht immer so. Ich hatte nur einfach irgendwann die Schnauze voll davon, durch die Stadt zu laufen und an jeder verdammten Straßenecke von Punks um Geld oder Kippen angeschnorrt zu werden. Von Menschen, die demonstrativ auf die Gesellschaft scheißen, sich einen Button der APPD ("Arbeit ist scheiße") an die Jacke pinnen, dennoch aber der Ansicht sind, ich sollte ihnen einen kleinen Teil meines erarbeiteten Geldes abgeben. Da könnte ich eigentlich gleich in meiner Toilette wohnen, so viel möchte ich kotzen. Und dadurch habe ich es mir antrainiert, dieses "nein". Egal, wer der Mensch ist, der mich da um Geld bittet.

Und dann, nach meinem "nein", sah ich mir den Mann an, der mich gefragt hatte.
Er war vielleicht um die 50, war vermutlich mal im Gefängnis (nach den Tätowierungen zu urteilen) - und er war irgendwie gebeugt. Nicht unbedingt äußerlich. Innerlich. Sah meiner Freundin und mir bei seiner Frage kaum in die Augen - und genau so hatte er seine Frage auch gestellt. Nicht mit dem von mir verhassten herausfordernden breiten Grinsen und dem üblichen "Ey, haste ma'n Euro?", sondern leise, irgendwie hoffnungslos. "Entschuldigung, dürfte ich Sie ganz höflich mal was fragen? Haben Sie vielleicht ein paar Pfennig für mich?" Und nachdem ich das verneint hatte: "Ok, bitte seien Sie nicht böse". Sagte er, drehte sich um und ging wieder. Ein Mensch, der nicht bettelte, weil er einfach keine Lust auf Arbeit hatte, sondern weil er sowieso keinen Job mehr findet

In diesem Moment habe ich mich gehasst.

Ich war mit meiner Freundin auf dem Weg zum Nürnberger Volksfest, hatte 35 Euro dabei und hätte ihm problemlos etwas davon geben können. Und ich habe es nicht getan.
Ich kann mich nicht erinnern, wann mir ein Mensch zuletzt spontan so leid getan hat wie dieser Mann, und trotzdem habe ich ihn kein Geld gegeben. Hatte auch nicht den Mut, meinen Irrtum einzugestehen. Ich hätte ihn zurückrufen und ihm einen Fünfer geben können, und ich habe es nicht getan.

Dafür tat es meine Freundin. Sie sah mich einfach nur an, fragte mich "wollen wir ihm nicht doch was geben? Er tat mir so leid." Ich gab ihr meinen Geldbeutel, sie fischte ein paar Euro heraus und lief dem Mann hinterher. Ich blieb beim Auto. Ich weiß nicht genau, warum ich nicht mitging, aber ich glaube, ich habe mich vor mir selbst geschämt.
Als meine Freundin wieder da war, erzählte sie mir, wie sehr sich der Mann gefreut hatte. Glaube ich sofort - so etwas passiert ihm vermutlich einmal pro Jahr (wenn es gut läuft).

Ich bin heilfroh, dass meine Freundin meinen Fehler korrigiert hat, sonst würde ich mich noch wesentlich schlechter fühlen, als ich das ohnehin schon tue. Ich wünschte nur, ich hätte ihm das Geld selbst gegeben.

Aber vielleicht lerne ich ja etwas daraus. Dass ich mir die Menschen, die mich um etwas bitten, einfach mal ein wenig genauer ansehe zum Beispiel. Oder dass man aufpassen muss, dass in der modernen Welt nicht die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Ich hoffe sehr, dass mir das diverse "Haste ma'n Euro"-Punks nicht wieder austreiben.

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