Dienstag, 5. Juli 2011

Überfällig oder zu spät? Gedanken zu Google+

(Nachtrag am Ende des Textes)


Zunächst mal seien wir ehrlich: Eigentlich hat Google den Trend zu sozialen Netzwerken grandios verpasst.

Während Google eine Suchmaschine war, hatten die Musiker MySpace. Schüler, Studenten und all die anderen mitteilungsbedürftigen Zeitgenossen hatten jeweils ihr eigenes VZ. Dann schwappte Facebook über den großen Teich, räumte vor allen Dingen durch Spielchen wie Farmville die technisch veralteten VZs leer und saugte auch dem zu Tode renovierten MySpace die letzten noch verbliebenen User ab.
Und auch wenn Facebook wegen eines höchst merkwürdigen Verständnisses von "Datenschutz" so regelmäßig in den Schlagzeilen auftauchte, wie sich die User  untereinander vor den neuesten Einstellungstricks der Facebook-Macher warnten, so riss die Beliebtheit des Netzwerks dennoch nicht ab. Wie sollte sie auch? Schließlich war Facebook alternativlos geworden - und Monopole haben nun mal die natürliche Eigenart, dass ihre Inhaber im Wesentlichen tun und lassen können, was sie wollen. Man nimmt es als User halt hin, denn die einzige Alternative ist der totale Verzicht.

Entsprechend gespannt war ich, als Google den Start eines eigenen Netzwerks mit dem etwas unglücklichen Namen Google+ ankündigte, das von der Anlage her der Gegenentwurf zu Facebook sein sollte: Stets wurde betont, dass die User die Macht über ihre Daten behalten sollen. Ist zwar an sich eine absurde Äußerung aus dem Mund der Datenkrake Nummer 2 (neben Facebook), sorgt aber zunächst trotzdem für eine gewisse Grundsympathie. Außerdem bin ich sowieso ein Spielkind und liebe die Herausforderungen virtueller Innovationen.

Und ganz ehrlich: Bei Facebook bin ich ausschließlich, weil es letztlich keine ernstzunehmende Alternative gab, um mit alten Freunden und weiter entfernten Bekannten in Kontakt zu bleiben. Google+ dagegen ist anders. Ich habe derzeit 12 Personen in meinen "Kreisen" - was gerade 10% der Menschen sind, die bei Facebook in meiner Freundesliste habe - und trotzdem bin ich bei Google+ jetzt schon wesentlich mehr unterwegs als bei Facebook. Denn G+ ist etwas, was Facebook nie war und wohl nie sein wird: Sympathisch. Das liegt nicht am Reiz des Neuen oder an einem gewissen Interesse an einem gesunden virtuellen Wettbewerb. Es liegt am Gesamtkonzept.

Bei G+ habe ich das Gefühl, nicht letztlich von den Betreibern über den Tisch gezogen zu werden. Ich habe nicht das Gefühl, mich mit den Machern des Netzwerks in einem endlosen Wettlauf  um meine Privatsphäre zu befinden, weil im Hintergrund ständig irgendwelche Einstellungen vorgenommen wurden, die ich so nicht haben möchte, und die nach außen natürlich auch nicht (oder nur unzureichend) kommuniziert werden. Denn letztlich ist es doch so: Bei Facebook muss ich Grundeinstellungen rückgängig machen, um zumindest einen Hauch von Privatsphäre zu erhalten. Im Grunde genommen sollte es exakt umgekehrt sein - und genau das könnte einer der Hebel sein, an dem G+ ansetzen kann.

Google+ sieht auf den ersten Blick tatsächlich aus wie Facebook und fühlt sich zunächst auch ähnlich an - allerdings nur, bis man das Netzwerk mal eingerichtet und die ersten Postings erstellt hat. Dann zeigt sich, wie großer Wert bei G+ auf die individuellen Freundschaften gelegt werden - denn im normalen Leben teilt man nun mal andere Dinge mit den Arbeitskollegen als beispielsweise mit engen Freunden. Und während ich bei Facebook meine normalen Statusmeldungen erst mal pauschal allen "Freunden" mitteile und - wenn ich das nicht möchte - einzelne Nutzergruppen (falls ich überhaupt welche definiert habe) von meinen Postings ausschließen muss, sind die verschiedenen Bekanntenkreise eines Menschen elementarer Bestandteil der Interaktion bei G+. Ein weiterer, gewichtiger Vorteil gegenüber Facebook.

Natürlich steckt das Netzwerk noch in den Kinderschuhen. Einige Funktionen fehlen noch, und auch ansonsten dürften sich in den kommenden Wochen und Monaten noch einige Dinge ändern, doch vom Grundkonzept her muss ich sagen: Das könnte was werden - und das nicht nur für Menschen, die von  Facebook eigentlich genervt sind. Schließlich unterscheidet man im normalen Leben auch verschiedene Bekanntenkreise. Warum also nicht auch in unseren Netzwerken?

Und ganz ehrlich: Ein bisschen Angstschweiß auf dem Gesicht von Facebook fände ich irgendwie äußerst ansprechend...


Nachtrag - 14.07.2011:


Nun sind weitere neun Tage vergangen, in denen ich mich weiterhin recht intensiv mit Google+ beschäftigt habe - und mein anfänglicher Enthusiasmus hat sich noch immer nicht verflüchtigt. Im Gegenteil: Je mehr ich mit den verschiedenen Kreisen und individuellen Einstellungen der Privatsphäre hantiere, desto mehr Spaß macht das Netzwerk. Ich habe mich sehr schnell an die Handhabung meiner Kreise beim Posten von Neuigkeiten gewöhnt - daran, dass ich beispielsweise problemlos meinen Twitter-Kreis mit kleinen Belanglosigkeiten versorgen kann, ohne meinen Freunden und Bekannten mit diesen Dingen auf die Nerven zu gehen. Diese Funktionalität und ihre intuitive Handhabung ist nach wie vor das, was mich an Google+ am meisten begeistert.


Allerdings sehe ich mittlerweile auch einige Schwachstellen, die zum Teil noch ausgeräumt werden dürften, während andere im Aufbau von G+ selbst bedingt sind.

Beispielsweise stört es ein wenig, dass Beiträge, wenn sie von mehreren Leuten in meinen Kreisen geteilt werden, auch mehrfach in meinem Stream auftauchen. Ich gehe allerdings davon aus, dass diese Darstellung nicht beabsichtigt ist und irgendwann in absehbarer Zeit geändert wird, so dass Beiträge nur noch einmal erscheinen.

Etwas allerdings, was mich jetzt schon massiv nervt, sind die User-Sammler (zumindest nenne ich sie so). Dadurch, dass Kontakte nicht wie bei Facebook auf Gegenseitigkeit ausgelegt sind, sondern Jeder erst mal prinzipiell Jedem folgen kann, scheint sich G+ schon jetzt zu einem zweiten Eldorado für diese ganzen selbsternannten Marketing-Experten zu entwickeln, die mir schon bei Twitter ordentlich auf den Senkel gehen. Menschen, denen es nicht um den einzelnen User geht, sondern deren einziges Ziel es ist, von möglichst vielen Leuten gelesen zu werden, um ihre Botschaft an den Mann zu bringen. Wie auch bei Twitter folgen diese Menschen scheinbar erst mal pauschal jedem User, der nicht bei 3 auf den Bäumen ist - in der Hoffnung, dass man sie selbst auch in seine Kreise aufnimmt.

Wobei die Marketing-Menschen nicht die einzigen User sind, die so vorgehen: Ich habe das Gefühl, dass manche Leuten von der Aufbruchsstimmung bei Google+ derart aufgepeitscht werden, dass sie die gesammelte Userschaft als große, virtuelle Familie ansehen, die am besten komplett zu ihren Kreisen hinzugefügt werden muss. Ich meine, ich habe ja auch gerne viele Kontakte, allerdings lege ich dabei Wert auf ein bestimmtes (und manchen Usern scheinbar unwichtiges) Detail: Ich möchte die Menschen kennen, die ich in meinen Kreisen habe - sei es virtuell (z. B. aus Foren oder von Twitter), oder sei es real. Extrem retro, ich weiß. Aber so bin ich nun mal.

Insbesondere die User-Sammler könnten diverse Menschen, die aus der behüteten Welt von Facebook in G+ hineinschnuppern, durchaus verunsichern und abschrecken, weswegen ich diese Entwicklung eher kritisch betrachte - auch wenn das natürlich kein wirkliches Problem ist, da man diese Menschen ja nicht in seine Kreise aufnehmen muss.
Aber naja, vielleicht renkt sich das alles wieder ein, wenn die Euphorie verflogen ist und bei Google+ so etwas wie Normalität einkehrt.


Letztlich aber ändern auch die Kritikpunkte nichts an meinem Fazit: Google+ macht Spaß und ist sympathisch - und am wichtigsten: Es hat meiner Ansicht nach ein enormes Potential.

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