Samstag, 2. März 2013

Von der Flüchtigkeit der Zeit


Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt richtig in Weihnachtsstimmung war - ich bin mir aber ziemlich sicher, dass das mindestens zehn Jahre her ist.

2012 sollte das wieder anders werden, hatte ich mir geschworen. Das hatte ich bereits im September geplant (wenn man so etwas überhaupt planen kann). In der Zeit, in der sich der Herbst ankündigt und ich merkwürdigerweise immer zum ersten Mal so etwas wie Vorfreude auf die Weihnachtszeit empfinde.
Ich hatte geplant, dass ich mir ab dem ersten Dezember richtig viel Zeit nehme. Den Stress des Alltags ein wenig hinter mir lasse. Mich mal wieder für vier Stunden in mein Stamm-Starbucks setze - nicht mit dem Laptop oder dem Tablet, sondern mit einem Buch. Ich hatte geplant, etwas zur Ruhe zu kommen. Ab und zu ausgedehnt durch den Wald spazieren zu gehen.

Und dann war plötzlich der Dezember da. Und dann der Januar. Weihnachten war noch schneller vorbei als in den vergangenen Jahren - und ich war noch nie weniger in Weihnachtsstimmung gewesen als diesmal. Getan von dem, was ich mir für Dezember vorgenommen hatte, habe ich nichts.

Ich hatte einfach keine Zeit.

Früher war das anders. Da hatte ich auch stressige Zeiten - habe für mein Abi gelernt und danach studiert, aber trotzdem war die Zeit irgendwie anders. Nicht so dünnflüssig wie heute. Früher konnte ich mir Zeit nehmen, wenn ich es wollte. Wenn ich mich auf Weihnachten (vor)freuen wollte, oder auf andere Dinge. Heute dagegen verrinnt die Zeit mit beängstigender Geschwindigkeit. Die Wochen und Monate fliegen dahin, und je mehr ich versuche, sie festzuhalten, desto flüchtiger wird sie.

Ende September 2011 hatte ich mir mein neues Auto bestellt. Fünf Monate Wartezeit hat mir der Händler angekündigt. Fünf Monate, die sich direkt nach dem Bestellen so endlos angefühlt haben. Nun ist mein Auto bald ein Jahr alt. Wo ist dieses verdammte Jahr hin?

Richtig schlimm wird es aber, wenn ich mir die Zeit zur Besinnung dann doch mal nehme und mir vollkommen bewusst wird, wie wenig ich sie festhalten kann. Als ich im September in Garmisch-Partenkirchen war, hatte ich eine Zigarre dabei, denn für Zigarren MUSS man sich Zeit nehmen.
Ich habe mich also auf dem Weg zum Gipfel der Alpspitze auf einen Felsvorsprung gesetzt und sie geraucht. Habe sonst nichts getan. Ich saß einfach nur da, habe geraucht, die Aussicht ins Tal und die Stille genossen und versucht, diese Stunde, die ich dort saß, irgendwie festzuhalten. Dann war die Zigarre aufgeraucht und ich hatte das Gefühl, ich wäre maximal fünf Minuten dort gesessen. Die Zeit war mir bei vollem Bewusstsein wie Sand durch die Finger gerieselt.

Ich frage mich, wie das werden soll, denn alle Menschen sagen, dass die Zeit umso schneller vergeht, je älter man wird. Dass das Erlebte flüchtiger und flüchtiger wird. Ein 85-jähriger Mann sagte einmal zu meinem Vater: "85 Jahre bin ich jetzt alt - und habe doch das Gefühl, nur mal kurz aus dem Fenster geschaut zu haben". Ich bin ganz ehrlich: Das macht mir Angst.

Aber vielleicht kann ich es doch ein wenig aufhalten. Ein wenig aktiver leben. Mich mehr auf die Gegenwart konzentrieren, statt einfach nur in die Arbeit zu fahren, wieder nach Hause zu kommen, dann zu schlafen - und am nächsten Tag das ganze wieder von vorne. Vielleicht kann ich die Zeit ja doch ein bisschen festhalten, wenn ich mich bemühe.

Eigentlich wollte ich das alles schon direkt nach Weihnachten loswerden. Nur:

Ich hatte einfach keine Zeit.